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Fortsetzung von Pastor Tarnogrocki's Beschreibung des "gottesdienstlichen Lokals"

"Der Fußboden des zum Gottesdienst bestimmten Raumes ist mit Ziegelsteinen gepflastert. An der Nordseite steht die braun polierte mit schwarzem Sammet beschlagene Kanzel aus Eichenholz, vor derselben der mit schwarzem Tuch behangene Abendmahlstisch auf einem braun-roten Teppich. Neben der Kanzel, nach Osten zu, steht das etwas niedrigere Lesepult. Über demselben an der Wand hängt eine weiße Holztafel, auf der zu lesen ist

Aus diesem Kirchspiel starben für König und Vaterland: 

1813, 1814 -1815  Carl Heinrich de la Barre, Johann Jacob Toussaint. 

1870: Franz de la Barre.

Auf der Ost- und Westseite des Raumes gehen Galerieen. Auf der erstgenannten steht eine kleine, schier ganz unbrauchbare Orgel. Dieselbe wurde 1848 am Palmsonntage eingeweiht - nach der Chronik des Predigers Remy -; beide reformierte Gemeinden haben sie für 100 Thlr. aus Friedland in Mecklenburg gekauft. Der mündlichen Überlieferung nach soll sie vordem lange Dienste in einer mecklenburgischen Dorfkirche gethan, und bei ihrem Eintreffen hier in Strasburg schon deshalb argen Verdruß bereitet haben, weil die Käufer nicht an den damals bestehenden hohen Eingangszoll von Mecklenburg, dem Auslande, gedacht hatten. In Jahresfrist wird sie wohl einer neuen Platz gemacht haben. Vor ihr, von 1837 bis 1847, stand an ihrer Stelle eine für 50 Thlr. erkaufte, der französischen Gemeinde ausschließlich. gehörige Stahl-Orphika. Bis 1837 sang die Gemeinde ohne Orgelbegleitung.

Was die Kanzel anlangt, so wurde die 1691 hergestellte 1752 durch eine neue ersetzt, die aus freiwilligen Beiträgen der Gemeinde-Mitglieder der französischen Gemeinde beschafft wurde. 1822 erhielt dieselbe durch ein Gemeinde-Mitglied eine neue schwarzsammtne, mit silbernen Borten besetzte Bekleidung. Doch ist auch diese Kanzel von 1752 nicht mehr vorhanden. Nachdem 1824 bei Gelegenheit der Wiederherstellung des Rathauses auch das reformierte Kirchenlokal repariert worden, wozu auf die Gesamtsumme von 500 ThIrn. jede der beiden reformierten Gemeinden 42 ThIr. beigetragen, wurde 1841 und 42 die Kirche repariert. Die Kosten beliefen sich auf circa 230 Thlr., und zahlte jede Kirchenkasse circa 74 Thlr. Aus dieser Zeit stammt die heutige Kanzel.

Bevor wir auf die Entstehung der Galerieen eingeben, wollen wir in Erinnerung bringen, daß nach dem Privilegium von 1691 ad 6, Se. Churf. Durchl. Friedrich III. gnädigst resolvieret, "auf dem Ratshause daselbst die Gewölbe aptiren zu lassen, worinnen sie ihrer Andacht pflegen können". Wie aus späteren Akten hervorgeht, haben die Kolonisten die Aptierung selber besorgt, und Friedrich III. hat ihnen zu dem Zwecke 150 Thlr., pour les soulager, zahlen lassen. Sonach betrachtete sich die französische Gemeinde als im Besitze des alleinigen Nießbrauchs des Gotteshauses. Da erschien 1716 ein Erlaß des französischen Oberkonsistoriums, wonach den deutschreformierten Brüdern in der Stadt der freie Gebrauch des Gotteshauses zugestanden wird, wenn ein reformierter Geistlicher kommen würde, um das heilige Abendmahl auszuteilen. Der Erlaß erregte Überraschung, weil es den Eindruck machte, als hätten die Französisch - Reformierten die von den Deutsch - Reformierten erbetene Erlaubnis verweigert. Dennoch beschloß das Strasburger consistoire, sich bei diesem Erlaß zu beruhigen, und wenn vormittags die Deutsch-Reformierten Abendmahlsfeier hätten, nachmittags Gottesdienst zu halten, "damit es ordentlich hergebe in der Kirche Gottes." 1716 gab es in Strasburg nur 4 deutsch-reformierte Familien, die aus der deutschen Schweiz eingewandert waren. Dennoch wurde die Stadt bald Sitz eines deutsch-reformierten Pfarrers, zu dessen cura das eine Meile entfernte Wolfshagen, der Wohnsitz der Reichsgrafen von Schwerin, ferner die Gemeinden in Treptow, Demmin, Anclam gehörten.

Die Existenz einer deutsch -reformierten Gemeinde in Strasburg war für den Bestand der französischen Gemeinde nicht günstig.

Sowie nämlich ein Mitglied der französischen Gemeinde glaubte, vom Prediger oder dem consistoire nicht recht behandelt zu sein, flugs wurde es deutsch-reformiert und die Schwestergemeinde wuchs auf Kosten der französischen, so daß sie ihr heut an Zahl weit überlegen ist. Wenn man aber aus ihr die Battré's, Guiard's, Cochoi's, Lepère's, Bettac's, die unzweifelhaft französischer Abkunft sind, hinwegnimmt, so bleibt von ihr nur ein winziger Rest übrig. In Bezug auf das Kirchen-Lokal stellte sieh ein eigentümliches Verhältnis heraus. Die französische Gemeinde betrachtete sich als alleinige Besitzerin des Gotteshauses und betrachtete die Deutsch-Reformierten als Gäste, bis endlich 1823 unter'm 27. Februar nach langen Streitigkeiten, denen wir ein besonderes Kapitel widmen müssen, von der Königlichen Regierung entschieden wurde: Beide reformierte Gemeinden sind zum Gebrauch der Kirche gleich berechtigt, und sind bei Bauten und Reparaturen nach gemeinschaftlicher vorgängiger Beratung die Kosten von jedem Teil zur Hälfte zu bezahlen. Seit dieser Zeit ward Ruh' und Frieden. In die Zeit des Streites fällt die Erbauung der Galerieen. Zuerst 1725 erbauten Daniel Fouquet, Jean Squedein und Guillaume de la Barre die über der Thür, 1751 Jaques Roquette, Jacob Fouquet, Guillaume Perrein und Abraham Bouchon die an der Ostseite, wo jetzt die Orgel steht, 1752 Abraham Ledoux und Jean Rebour die daran stoßende über dem Stand der Ältesten.

An den drei noch vorhandenen Verträgen ist interessant, wie die Erbauer gegenseitig ihre Rechte für sich und ihre Nachkommen zu wahren suchten, auch die Reihenfolge der Plätze ängstlich bestimmten. Nicht ohne Grund. Erwähnen doch die alten Akten einen Fall, daß sich ein Pierre Fouquet erdreistete, auf der seiner Familie mitgehörenden Galerie einen ihm nicht zukommenden Platz einzunehmen, und wie derselbe vom consistoire gebührend zurechtgewiesen.

Doch nicht weniger als die braune Kanzel, als die weißgetünchten Wände und Decken, als die weißgestrichenen Galerieen und Bänke könnten die roten Ziegel, welche den Boden bedecken, erzählen. Kein größerer Stein, keine Inschrift ist zu schauen; dennoch ist der Boden der Kirche ein Friedhof. Nach dem Totenregister liegt hier begraben, wahrscheinlich unter dem Abendmahlstisch, der erste Pfarrer der Gemeinde:

Der Edle Jean Henri de Baudan, geb. in Nimes, gest. am 24. November 1713 im Alter von 60 Jahren, ferner die erste Gattin des zweiten Predigers Vernezobre, Lavinie de Bermont de Roassait, geh. in Gap en Dauphiné, gest. am 23. Januar 1715 im Alter von ungefähr 53 Jahren (hierbei ist es seltsam, daß der Herr Pfarrer nicht genau das Alter seiner Gattin ins Totenregister einzuschreiben wußte), ferner drei Kinder des Pfarrers Vernezobre aus zweiter Ehe, Otton, Jean und Francois, ferner ein Söhnchen des dritten Pfarrers Poulet. Ferner ruht hier noch eine Tochter des ersten deutsch-reformierten Pfarrers Marcus Aemilius Wagenfeld und vielleicht noch andere Angehörige der deutsch-reformierten Pfarrer. Aus den Akten und dem Totenregister dieser Gemeinde ist ihrer Dürftigkeit wegen nichts in Bezug auf diesen Punkt zu ersehen. Für die Wahrscheinlichkeit, daß noch mehr Deutsch-Reformierte hier beerdigt sind, spricht ein Beschluß des consistoire vom 20. Januar 1749, wonach bei Beerdigungen in der Kirche an die französische Kirchenkasse 1-5 Reichsthaler je nach dem Alter des Verstorbenen gezahlt werden sollen. Anlaß zu diesem Beschluß gab nach einer Randnotiz die Bitte des deutsch-reformierten Pfarrers Fridle, sein vierjähriges Kind in der Kirche beerdigen zu dürfen. Derselbe hat, was für seine Friedfertigkeit zeugt, am 3. März 1752 die Beerdigungsgebühr entrichtet."

Dr. Otto Tarnogrocki, Geschichte der französischen Kolonie zu Strasburg in der Uckermark

 in: Die Kolonie (Jg.5, Juli 1881- Jg. 6, Dezember 1882)

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